Andrea Tippel

Thriller 1983

thriller
oder: holland gleich holzland.

Zuerst erschienen in: Rathaus Wedding (Hrsg.): Frauen gestalten Holz. Verlag des Senats: Berlin, S. 98

„er sieht leicht sein schicksal voraus in einer Zeit, da man einen strich durch die leidenschaft gezogen hat, um der wissenschaft zu dienen.“
johannes de silentio

was ein lärmen im unterholz! was eine schallende schlacht! was ein schlagen, hauen, kämpfen gegen den großen passiven widerstand! was schmerz, was blut, um wurzel und krone voneinander zu trennen. die waffen aller zeiten angelegt an die achillesferse, um den stoff, die nahrung des feuers zu besitzen. das geschlagene. das gehauene. das geschändete? in göttlicher voraussicht besaß thor die eiche, den baum seines raumes.

wir können einen baum nicht aus der erde bitten. wir können ihn nicht dazu überreden, nicht überlisten und nicht erpressen. er kommt uns nicht entgegen, um uns einen stamm zunutze zu machen, müssen wir gewalt anwenden. nichts nutzt sanftmut.

mit der strenge der leidenschaft sprach sich mit dem wort „holz“ der akt der menschlichen gewalt gegen die natur stets mit aus. so daß man des opfers gewahr blieb?

name war tat.

„kalamität“: o schlimme verlegenheit! o übelstand! o notlage! dieses wort leitet sich ab von der indogermanischen Wurzel -kel, die bedeutet: schlagen, hauen. daher kommt auch das wort „holz“. und über die zeit entließ die deutsche sprache jeden tieferen sinn aus ihm und eine bloße stoffbezeichnung übrig.

wir wissen also, was holz ist: es ist der geschlagene, gehauene Baum, der stoff, den wir uns zunutze machen. doch ahnungsvollerweise wissen wir nicht, woher das wort „baum“ zu uns gekommen ist!

der etymologische „duden“ behandelt indogermanische bezeichnungen für „baum“ unter „teer“ und „wiedehopf“

der schnee vom vergangenen jahr?

november 1983